Der Gipfel ruft, wir kommen alle! – ¡La cumbre llama y todos nosotros vamos! – The summit is calling and we will all come!

Die transnationale Mobi-Tour für Bewegungsfreiheit, Autonomie und Gutes Leben statt G7 der BUKO machte am 22.05.2015 in Dresden Station. Wir dokumentieren hier unseren Redebeitrag, den wir auf der Kundgebung von Dresden postcolonial gehalten haben.

Weitere Veranstaltungen und Informationen unter http://anders-gipfeln.de/

// English version below! //

Und was haben Flucht und Migration mit Kapitalismus zu tun?

Das kapitalistische Wirtschaftssystem produziert grenzenlosen Reichtum, aber leider nur für einige Wenige. Der heutige Wohlstand und das Lebens-und Konsummodell des globalen Nordens sind nach wie vor nur durch eine fast ungebrochene Geschichte von Ausbeutung und Zerstörung des globalen Südens möglich. Diese Geschichte führt von den Anfängen des Kolonialismus gegen Ende des 15. Jahrhunderts bis zu den heutigen postkolonialen Strukturen mit all seinen bekannten und weniger bekannten Gewaltakteur*innen, die von regulären Truppen z.B. der Bundeswehr bis hin zu privaten militärischen Dienstleistern reichen. Kriege und in zunehmenden Maße ‘Kriege geringer Intensität’sind notwendig, um den reibungslosen Rohstofftransport von z.B. Öl, Gold, Coltan, Uran und Wasser in die Wirtschaftszentren zu garantieren.

Hinzu kommt die globalisierte Produktion von Nahrungsmitteln und Agrarprodukten, die im sogenannten ‘Land Grabbing’ gipfelt. Hier kaufen meist private Akteur*innen große Ländereien auf, um sogenannte ‘Cash Crops’ für z.B. die Produktion von Biotreibstoffen anzubauen. Die Folgen des monokulturellen Anbaus sind fatal: Degradierung der Böden durch Strukturverlust, damit einhergehender Nährstoffmangel und schließlich die komplette Erosion des Bodens bis hin zur Wüstenbildung. Für die Menschen in diesen Regionen bedeutet das Vertreibung, Verarmung und elenden Hunger. Auch die Subventionierung von z.B. europäischen Milchprodukten für den afrikanischen Markt verursacht Elend, da lokale Bauern mit den Preisen der meist viel billigeren EU-Importe nicht mithalten können, keinen Absatz für ihre Produkte finden und in Hunger, Armut und Migration getrieben werden.

Der Klimawandel, der eine Folge der Industrialisierung und kapitalistischer Produktion ist und damit auf das Konto des globalen Nordens geht, wird viele dieser Probleme noch weiter verschärfen. Der Klimawandel wird zu einem weiteren Anstieg vom extremen Wetterereignissen führen und Überschwemmungen, Versalzungen und Trinkwassermangel werden noch mehr Menschen zur Flucht zwingen. Die historisch-strukturell benachteiligten Regionen dieser Welt werden durch diese gewaltförmige Praxis zerstört. Das zwingt mehr und mehr Menschen zu Flucht und Migration. Die Schätzungen schwanken zwischen 50 und 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis zum Jahr 2050. Wer also Fluchtursachen bekämpfen will, darf von kapitalistischer Produktion nicht schweigen!

Wir stehen heute hier, weil wir uns mit den Menschen solidarisch erklären, die an den Toren Europas abgewiesen werden, dort zu Tausenden sterben oder, wenn sie es dennoch in die EU schaffen, ein größtenteils menschenunwürdiges Dasein fristen müssen. Die immer neuen Projekte zur Grenzüberwachung spülen deutschen Rüstungskonzernen Milliarden in die Kassen. Eine dieser Firmen hat ihren Standort im Dresdner Norden – die IABG. Die IABG sorgt für die Verfügbarkeit verlässlicher und hochgenauer Geodaten, die die Bundeswehr mit ihrem inzwischen stark erweiterten Einsatzraum vermeintlich benötigt. Für die Aufbereitung der per Satelliten erhobenen Geodaten wurde eigens die sogenannte Geodata Factory Dresden gegründet. Neben der zivilen Nutzung der Daten beteiligt sich die IABG auch am EU Projekt LOBOS, welches der konkreten Integration von Satellitenaufklärung in das EU-Grenzüberwachungssystem EUROSUR dient. Diese IABG Filiale zur Geodaten Aufbereitung ist somit direkt an der automatisierten Flüchtlingsabwehr beteiligt!

Die Europäische Union subventioniert mit einer Vielzahl an milliardenschweren Programmen deutsche Sicherheits- und Rüstungsunternehmen. Länder, die sich Hoffnung auf einen Beitritt in die EU machen, aber auch andere assoziierte Partnerländer der EU (wie z.B. Libyen) müssen in die Sicherung ihrer Grenzen investieren. Im Moment wird diskutiert dass NATO und FRONTEX Fluchtboote bis auf das libysche Festland hin zerstören sollen. Ideologisch aufbereitet wird dies mit der angeblich notwendigen Drosselung von ‘Armutszuwanderung’.

Offenkundig ist dabei der Widerspruch zwischen Subventionen und Austeritätspolitik, etwa wenn wir nach Griechenland schauen. Warum hat Griechenland die griechisch-türkische Landgrenze seit 2012 hoch gerüstet? Parallel zu den von der Troika erzwungenen Einsparungen im medizinischen und sozialen Bereich wurde Griechenland von der EU-Kommission und den europäischen Innenminister*innen gezwungen ihre Landesgrenze zur Türkei abzuschotten.

Der Ausbau der griechisch-türkischen Grenze mit einem 200 km langen Zaun und zusätzlicher Überwachungstechnik war die unmittelbare Folge. Seitdem müssen die Geflüchteten die griechisch-türkische Grenze wieder durch den Fluss Evros passieren oder versuchen Griechenland über das Ägäische Meer zu erreichen. Dort gehen nun griechische Grenzpolizei und Küstenwache immer häufiger mit so genannten Push-back Operationen gegen Geflüchtete vor.

Gutes Leben statt G7 bedeutet für uns daher Bewegungsfreiheit, Autonomie, aber auch die gemeinsame Verwaltung von Ressourcen, eine basisdemokratische Aufteilung von gesellschaftlicher Arbeit, die Abschaffung des Zwangs zur Lohnarbeit.

Darum fordern wir:

Entkriminalisierung der Fluchtwege!

Solidarität mit den Geflüchteten!

Globale Bewegungsfreiheit für alle!

Rassist*innen entgegentreten!

Kapitalismus überwinden!

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English version:

*So What Do Flight and Migration Have to Do with Capitalism?*

The capitalist economic system produces infinite wealth, however only for few people. Todays prosperity and the models of life and consumption of the global north have been made possible only by an unbroken history of exploitation and destruction of the global south. This history leads from the beginnings of colonialism in the end of the 15th century to todays postcolonial structures with all their well and lesser known actors of violence, from regular troops of the Bundeswehr up to private providers of military services. Wars and increasingly ‘slow intensity conflicts’ are necessary to guarantee the smooth transportation of natural resources like oil, gold, coltan, uranium and water into the economic centers.

Additionally, the globalized production of food and farm products culminates in so called land grabbing. Mostly private actors buy big estates to cultivate ‘cash crops’ for the production of biofuel and more. This mono cropping has disastrous consequences: soil degradation, accompanied by nutrient deficiency and, in the end, the full soil erosion right up to desertification. For the people in these regions, this means displacement, poverty and starvation. The subvention of European milk products for the African market causes misery, too, since local farmers cannot keep up with the mostly cheeper EU-imports, cannot sale their products and are driven into hunger, poverty and migration.

Many of these problems will be intensified by climate change, which is an outcome of industrialization and capitalist production and thus caused by the global north. Climate change will lead to more extreme weather events; floods, salinization and water shortage will force more people into flight. The historically-structurally disadvantaged regions are destroyed by this violent practice. This forces more and more people into migration. Estimates alter from 50 to 200 millions of climate refugees until 2050. Thus, who wants to fight the causes of flight must not remain silent about capitalist production!

We are her today, because we are solidary with those people, who are refused at the gates of Europe, who die there or who lead an often inhumane existence after having it made into the European Union. The consistently new projects of border surveillance flush billions into the coffers of the arms industry. One company actually is located in northern Dresden – the IABG. The IABG makes reliable and exact geodata available to the Bundeswehr, which supposedly needs them for their vastly grown operational area. The Geodata Factory Dresden was especially founded for the processing of these geodata. On top of civil use, the IABG also participates in the EU project LOBOS that serves the integration of satellite reconnaissance into the /European border surveillance system EUROSUR. Thus, this IABG branch is directly involved in automatic defense systems against refugees!

The European Union subsidizes German arm factories with a variety of multi-billion dollar programs. States hoping for joining the European Union but also ‘partner states’ are obliged to invest into the security of their borders. Right now, there are discussion that Nato and Frontex should destroy flight boats as far as the Libyan coast. Ideologically this is justified as necessary restriction of ‘poverty immigration’.

At that point there exists an obvious contradiction between subventions and politics of austerity, for example in Greece. Why has Greece upgraded its border with Turkey since 2012? The EU commission and the European secretaries of the interior forced Greece to close its border while at the same time the troika has pressed cuts in the Greek health and social systems. Consequently, the fitout of the Greek-Turkish border with a 200 km fence and additional surveillance techniques forces refugees to try for Greece through the river Evros or through the Aegean Sea. There, the Greek border police and coastguard were increasingly using so-called push-back operations against refugees.

Because of all this, good life instead of G7 means to us freedom of movement, autonomy, but also the common control over resources, a democratic distribution of work in society and the abolishment of constraint labor.

We demand:

decriminalization of migration routes!

solidarity with refugees!

global freedom of movement for everyone!

confront racists!

overcome capitalism!